Jörg-M. Bönisch

Mühsamer Anfang

Vorwehen, Geburt, Erste Gehversuche

Vor 10 Jahren, am 24. März 1988, wurde der Freundeskreis Karl Mays Leipzig gegründet.

Aber eigentlich beginnt die Geschichte des Freundeskreises einige Monate früher. Am 14. November 1987 veröffentlichten die "Nationalzeitung" und die "Junge Welt" die Meldung, dass in Cottbus ein Freundeskreis Karl May gegründet worden sei. Diese Meldung ließ mir keine Ruhe mehr. Hatte ich doch schon lange den Wunsch, mich regelmäßig mit gleichgesinnten Karl-May-Freunden zu treffen.

Bis zu diesem Zeitpunkt erlebte ich nur zwei Veranstaltungen zu Karl May in Leipzig, die erste am 11. April 1985. Prof. Dr. Schaumann von der Universität Jena hielt in der Maurer-Bibliothek den Vortrag "Die Kunst, trivial zu sein - Anmerkungen zu Karl May". Es war ein Vortrag voller Fehler. Schaumann kannte nur einige Bände des Karl-May-Verlages und musste auf Anfrage zugeben, von den Bearbeitungen noch nichts gehört zu haben. Ebenso unbefriedigend war die zweite Veranstaltung am 5. Dezember 1985 zum Thema "Von Courths-Mahler bis Karl May".

Nun hatten sich also in Cottbus Karl-May-Freunde zusammengefunden. Dies musste doch auch in Leipzig möglich sein. Deshalb schrieb ich am 22. November 1987 an die Bezirksleitung des Kulturbundes einen Brief mit der Bitte, auch in Leipzig die Gründung eines Freundeskreises Karl May zu ermöglichen.
Längere Zeit hörte ich nichts auf mein Schreiben. Später erfuhr ich, dass in dieser Zeit die Leipziger Kulturfunktionäre heftig darüber diskutierten, ob sie einem Freundeskreis Karl May zustimmen sollten oder nicht. Auf der einen Seite hatte man gegen Karl May immer noch Bedenken, auf der anderen Seite gab es aber in der DDR Karl-May-Bücher zu kaufen und in Cottbus schon einen Freundeskreis.
Man fand einen Kompromiss. Aber davon wusste ich damals noch nichts. Und so traf am 14. Januar 1988 ein schon nicht mehr erwartetes Schreiben der Stadtbezirksleitung Leipzig-Mitte des Kulturbundes bei mir ein. Man teilte mir darin mit, dass Interesse an einem Freundeskreis Karl May bestehe und lud mich zu einem Gespräch ein. Dazu kam es am 28. Januar 1988. Meine Vorschläge wurden akzeptiert.Wir vereinbarten einen Aufruf für die Presse, den ich am 31. Januar beim Kulturbund abgab. Als dann Ende Februar der Aufruf veröffentlicht wurde, war ich sehr überrascht. War doch plötzlich von einem Freundeskreis Karl-May-Literatur die Rede! Auch druckten die Zeitungen nicht den von mir verfassten Text. Sofort setzte ich mich mit Herrn Franke von der Stadtbezirksleitung Leipzig-Mitte in Verbindung. Von ihm wurde ich über den Kompromiss, nur einen Freundeskreis Karl-May-Literatur zuzulassen, informiert. Wer allerdings genau dafür verantwortlich war, weiß ich bis heute nicht.
Vier Leipziger Tageszeitungen sowie der Sender Leipzig brachten den Aufruf. Auch mit einem Flugblatt wurde für unseren Freundeskreis geworben.
Die Resonanz war erfreulich positiv und am 14. März wurden die Einladungen verschickt.

Am 24. März war es dann soweit. Von über 40 Teilnehmern wurde der Freundeskreis gegründet. An der Versammlung nahm auch der Leiter des Cottbuser Freundeskreises, Reinhard Seidler als Gast teil. Spontan meldeten sich mehrere Teilnehmer zur Mitarbeit in der Leitung. Und so sah sie aus:


Bereits einen Tag später erwähnte die "Junge Welt" die Gründung des Leipziger Freundeskreises.

Am 21. April sollte ich im Sender Leipzig über Gründung und Ziele des Freundeskreises berichten. Der Moderator, Jürgen Haise, der nur Loests "Swallow" kannte und ein oder zwei Karl-May-Filme gesehen hatte, aber sonst nicht viel über May wusste, und ich legten gemeinsam die Fragen fest, die er mir in der Sendung stellen sollte.
Eine Stunde vor beginn der Sendung war ich in der Springerstraße. Und nun ging alles schief.
Ich wollte auch über Karl May als Komponist sprechen und hatte dazu die "Ave Maria"-Platte mitgebracht. Da stellte sich heraus, dass im Sender der Plattenspieler defekt war.Haise sauste durch das ganze Haus, um Ersatz aufzutreiben. Erst gegen Ende der Sendung gelang es einem Techniker, das Gerät zu reparieren, so dass Mays Komposition doch noch gespielt werden konnte.
Fünf Minuten vor der Sendung erschien der verantwortliche Redakteur und strich die vorbereiteten Fragen. Mir wurde außerdem verboten, über Buchneuerscheinungen und über den Roman von Erich Loest zu sprechen.
Die Sendung begann, und als erstes fragte mich Haise überraschend, warum der Freundeskreis "Karl-May-Literatur" und nicht "Karl May" heiße. Es folgten weitere sehr unangenehme Fragen, so zum Beispiel, warum es in den sozialistischen Staaten schon immer Karl-May-Bücher gab und in der DDR nicht und solche zu den Straftaten Karl Mays. Ich war heilfroh, als die Sendung vorbei war, zumal es sich ja um eine Live-Sendung gehandelt hatte.

Noch einmal durfte ich am 6. Juni 1989 direkt im Sender Leipzig über unseren Freundeskreis berichten. Eigentlich wollte ich nicht sprechen und hatte dem Sender Dr. Buchwitz vorgeschlagen. Da es allerdings nicht gelang, ihn zu erreichen und die Sendung inzwischen von den Mitteldeutschen Neuesten Nachrichten angekündigt worden war, kam es doch zu meinem zweiten Auftritt im Rundfunk. Mit Moderator Peter Liersch verlief diesmal alles reibungslos.

Am 28. April traf sich die Leitung zu ihrer ersten Beratung, das Jahresprogramm 1988 wurde beschlossen.
Die erste Veranstaltung fand dann am 5. Juni 1988 statt, mit meinen Vorträgen über die "Karl-May-Rezeption in der DDR" und über "Karl May als Komponist". Da ein großes Interesse vorhanden war, haben wir damals das Manuskript über die May-Rezeption mit großer Mühe vervielfältigt, wenn ich mich recht erinnere in 40 Exemplaren.
Unser Veranstaltungsprogramm wurde nun zügig fortgesetzt, aber darüber soll an anderer Stelle berichtet werden.

Angemerkt soll jedoch werden, dass der Kulturbund auf die Themen der Veranstaltungen keinen Einfluss nahm. Nur eine über Loests Roman "Swallow, mein wackerer Mustang" war verboten. Großzügig wurden vom Kulturbund auch die Honorare für Gäste wie Ernst Günther (150,- Mark pro Stunde) oder auch an Ekkehard Fröde (auch er kam nicht kostenlos) gezahlt. Auch die enormen Ausgaben für das Arbeitertheater Radeberg trug der Kulturbund ohne zu murren.
Die Portokosten wurden ebenfalls beglichen. Da kam jeden Monat einiges zusammen, erhielt doch zum Beispiel jedes Mitglied zu jeder Veranstaltung eine von mir mühsam mittels Stempelkasten hergestellte Einladungskarte.
Zeitweise wurden monatlich über 80 Karten verschickt.

Probleme gab es mit dem Kulturbund in der folgenden Zeit nur bei Veröffentlichungen. Die mit knirschenden Zähnen genehmigten Infoblätter wurden behindert wo es ging, eine Broschüre oder Zeitung rundweg abgelehnt.
Selbst der Druck des Jahresprogrammes wurde nur unter großen Auflagen genehmigt. Ich musste einen Antrag stellen, diesem wurde von der Stadtbezirksleitung zugestimmt. Dazu musste ich das Manuskript in 6 Exemplaren (!) einreichen, und die Druckerei hatte zu bestätigen, dass Druckkapazität und Papier vorhanden waren.

Am 18. September 1988 gestaltete ich im Auftrag des Kulturbundes für die 9. Hobby-Schau im Haus der Volkskunst zwei Vitrinen zum Thema Karl May - die wohl erste offizielle Ausstellung von Karl-May-Büchern, darunter fremdsprachigen, in Leipzig.

Für den 2. Dezember 1988 hatte das Karl-May-Museum in Radebeul zu einem Erfahrungsaustausch der Vorsitzenden der Freundeskreise eingeladen.
Anwesend waren:


Als Gäste nahmen teil:

Der Verlauf dieses Erfahrungsaustausches entsprach nicht meinen Erwartungen. Eine Zusammenarbeit der Freundeskreise konnte nicht vereinbart werden. Auch der Vorschlag von Seidler und mir, gemeinsam regelmäßig eine Broschüre herauszugeben, wurde vor allem von den Radebeulern strikt abgelehnt. Aber auch Fröde war dagegen. Es kam zu keiner Einigung, und so blieb der "Erfahrungsaustausch" auch das einzige Treffen dieser Art.

(Nachdruck aus "Karl May in Leipzig", Nr. 32 vom März 1998)